Die Mär vom bösen Wolf
Jahrzehntelang galten sie bei uns als ausgerottet: Wildtiere wie Bären, Luchse und Wölfe. Doch seit den 1990er Jahren kehren sie zurück und sorgen für Konfliktpotenzial zwischen Tierschützern, Jägern und Anwohnern. Wildbiologen und der ETN sind sich einig: Für ein intaktes Ökosystem sind diese Raubtiere unerlässlich, für den Menschen stellen sie keine Gefahr dar. Wir müssen wieder lernen mit Wildtieren wie Wölfen zu leben!
Der Wolf ist durch mehrere Abkommen geschützt
Die ersten Wölfe auf deutschem Boden nach ihrer Ausrottung im Jahre 1904 gelangten über die polnische Grenze nach Brandenburg und Sachsen. Inzwischen wurden sie wieder in der Lausitz heimisch und leben dort in etwa sechs Rudeln. Einzelne Wölfe durchstreifen auch Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen und Hessen auf der Suche nach einem geeigneten Revier. Und schon fordern Jäger den Abschuss bzw. eine kontrollierte Bejagung der Wolfsbestände. Seit 2007 kam es immer wieder zu Abschüssen. Diese sind allesamt illegal, denn der Wolf ist durch gleich drei Richtlinien geschützt: durch das Washingtoner Artenschutzabkommen, die Berner Konvention und die Fauna-Flora-Habitat-Richtlinien (FFH-Richtlinien).
Angst ist unbegründet
Während vor allem die Menschen in Osteuropa gelernt haben, mit der Natur in Koexistenz zu leben, sitzen Angst, Misstrauen und Unwissenheit in Deutschland noch immer tief. Vorherrschend ist die Angst, dass die Wölfe in der Region zahlenmäßig überhandnehmen und dann eben auch für Menschen gefährlich werden könnten. Da jedoch die Welpen mit der Geschlechtsreife das Rudel verlassen und sich ein eigenes Revier von ca. 250 bis 300 km2 Größe suchen, ist diese Angst absolut unbegründet. Erst wenn sie dort selbst wieder Junge bekommen, kann man davon sprechen, dass sie sesshaft geworden sind. Sofern kein Revier vorhanden ist, welches groß genug ist und ausreichend Nahrung bietet, werden die Tiere keine Familie gründen und einfach weiterziehen.
Da es diesbezüglich erhebliche Informationslücken gibt, legt der ETN im In- und Ausland großen Wert auf Aufklärungsarbeit - um das falsche Bild vom Wolf als blutrünstigem, heimtückischem und verschlagenem Wesen zu korrigieren. Denn diese über Generationen weitergegebene Sichtweise hat mit der Realität nichts zu tun.
Verehrung und Kooperation
Nicht immer besaß der Wolf ein Negativ-Image. Im Gegenteil: Unsere frühesten Vorfahren sahen im Wolf einen ebenbürtigen oder gar überlegenen Jäger, dessen Ausdauer, Geschick und Cleverness bewundert und begehrt wurden. Die Wissenschaft geht heute davon aus, dass sich der Mensch die cleveren Jagdtaktiken vom Wolf abschaute. Die besondere Verbindung zwischen Wolf und Mensch mag auch darin begründet gewesen sein, dass sich beide Spezies sozial sehr ähnlich sind. Die Sozialordnung des Wolfes ist das Rudel, die des Menschen die Familie. Der einsame Wolf ist übrigens eine Seltenheit. Dabei handelt es sich um schwache oder ausgestoßene Tiere. Der Wolf lebt normalerweise - wie der Mensch auch - in der Gruppe.
Eine Theorie besagt, dass Menschen die Wölfe und Wölfe die Menschen begleiteten und jeweils die Überreste der Jagdbeute verzehrten. Daraus könnten in manchen Fällen Freundschaften entstanden sein, aus denen sich dann auch die Wolfs- bzw. nach Generationen der Zucht die Hundehaltung entwickelt hat. Der domestizierte Wolf half beim Jagen und beschützte die wachsenden Siedlungen.
Mythos vom blutrünstigen Jäger
Der Mensch weitete seinen Lebensraum aus, betrieb Landwirtschaft und ließ sein Vieh weiden. Dass der Wolf hin und wieder Weidetiere riss, brachte ihm wenig Freunde ein, doch auf die durch die Rodung der Wälder immer mehr verdrängten Huftiere wie Hirsche oder Rehe hatte der Mensch inzwischen ebenfalls seinen Daumen. Der Wolf wurde zum Konkurrenten und von da an gnadenlos verfolgt. Aus dieser Zeit stammen auch die ersten Berichte vom blutrünstigen Räuber, der auch Menschen anfalle. Dabei macht der Wolf um Menschen lieber einen großen Bogen, ist er doch sein einziger Feind. Und so entbehren Berichte über Angriffe auf Menschen meist jeder Grundlage. Gesicherte Belege für Angriffe gesunder Wölfe auf Menschen konnten für Europa bisher nicht erbracht werden.
Wir Menschen machen den Wolf zum blutrünstigen, heimtückischen, mächtigen Jäger, zum einsamen und grausamen Menschenschlächter.
Es ist Zeit, mit dem ehemals besten Freund des Menschen endlich wieder Frieden zu schließen.
Fotos Wolfgang Jaafar
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