Tipps für Hundehalter von Dr. Wilfried Brach-Virnich

Es gab eine Zeit, da war alles irgendwie einfacher. Hunde begegneten sich, prüften ein-ander mehr oder weniger interessiert und leiteten bevor sie sich dann wieder voneinan-der trennten, das ein, was ihnen selbst in diesem Augenblick wichtig erschien. Bestenfalls war es ein ausgelassenes Spiel, schlimmstenfalls eine Beißerei.

Die hinter dem jeweiligen Hund stehenden Menschen sahen Ersteres als Idyll, Zweiteres als ein sie hier und da nun einmal unabänderlich ereilendes Schicksal. Hund war damals nach Meinung ihrer Besitzer nun einmal Hund. Und folgerichtig konnte die Begegnung von zwei Hunden nicht immer friedvoll enden. Und wozu sonst hatte man schließlich einen Tierarzt des Vertrauens und zahlte die Hundehaftpflichtversicherung? Es gab damals eigentlich nur zwei Kategorien von Hunden. Die einen dienten kaum handtaschengroß ihren ältlichen Besitzern als Alterstrost. Ihr Vorteil schien zu sein, dass sie sich mühelos mit einem schwungvollen Leinenschwenker auf die schützenden Arme ihres Besitzers katapultieren ließen. Was dann auch bei nahezu jeder Begegnung mit anderen Hunden bis hin zur Perfektion geübt wurde. Vor allem dann, wenn Hunde der anderen Kategorie zur Begrüßung anstanden. Die anderen, das waren Hunde, die sich auf Grund ihrer Größe nicht mehr als Jojo eigneten und dazu neigten, den Spieß umzudrehen: Was da von links nach rechts geschleudert wurde, waren in vielen Fällen eher die Menschen am anderen Ende ihrer Leinen. Nun gut, es gab auch damals schon gut erzogene Hunde. Aber die standen irgendwie im Verdacht, einen Besitzer zu haben, der noch von Preußens Gloria träumte. Kadavergehorsam war im Nachkriegsdeutschland mega-out und schlichtweg gestrig.
Schauen wir uns heute, im Jahre 4 nach Inkrafttreten von diversen undurchdachten Landhundeverordnungen und -gesetzen, um, haben die Verhältnisse sich gründlich ge-wandelt.

Hundehalter kleiner Hunde vermeiden häufig aus Angst die Begegnung ihres Lieblings mit anderen Hunden.

Hunde beschnüffeln einander, um das Gegenüber einzuordnen Wo man auch hinschaut: sklavisch ihren Besitzern nach den Augen bzw. nach dem unauffällig in der Hand gehaltenen Leckerchen schauende Großhunde auf der einen und Kamikaze-Kleinhunde, die den Eindruck machen, als wären ihre meterlang ausfahrbaren Rollleinen nur dazu da, Menschen zu Fall und Großhunde zur Verzweiflung zu bringen, auf der anderen Seite.
Hundebegegnungen, die frei sind von rassistischen Bedenken ihrer Besitzer, finden nur noch in verschwiegenen Winkeln der Grünanlagen statt. Die Umwelt ist auch wirklich hundefeindlich geworden. Argwöhnende Mütter, Hundesteuereintreiber in Zivil, Radfahrer, Jogger ... sie alle bilden mittlerweile fast ausnahmslos eine medien- und polituntermauerte Anti-Hundefront. Kaum jemand geht noch als Hundehalter das Risiko einer Anzeige ein und lässt Hund-Hund- oder Mensch-Hund-Begegnungen so en passant zu.
Tatsache ist, dass tatsächlich jeder Hund, der einem begegnet, ein Risiko ist. Ein Risiko wie es aber auch jeder Mensch, der auf Straße an einem vorbeigeht, darstellt, jeder Baum, jedes Auto ... Denn, wer weiß schon, was dieses belebte Etwas im nächsten Augenblick tun wird. Ein Messer ziehen, einen Ast verlieren, ins Schleudern geraten?
Ich für meinen Teil halte von all dem den Hund noch für die planbarste Gefahr. Was mich dann auch so vermessen sein lässt, Ihnen auf den folgenden Seiten ein paar Tipps für den Fall zu geben, dass Hund sich anschickt Hund zu begegnen.
Ich unterscheide dabei bewusst die Begegnung auf neutralen Terrain (Spaziergang) von der Begegnung im vertrautem Revier (zu Hause, aber auch auf der Hundwiese, auf der man fast täglich einige Stunden verbringt).

- Lassen Sie keine Hund-Hund-Begegnung zu, bei der einer oder womöglich beide Hunde angeleint sind oder gar festgehalten werden.

Der Ärger ist beinahe vorprogrammiert, weil das arteigene Begrüßungsritual nicht ausgelebt werden kann und die meisten Hunde, um daraus resultierende Missverständnisse zu vermeiden, in diesem Fall leicht auf Angriff statt auf Kontaktpflege schalten. Auch ein kranker oder gar behinderter Hund kann sich durch sein körperliches Handicap sinnbildlich "angeleint" fühlen und überra-schend aggressiv reagieren, kommt ihm ein Artgenosse zu nahe.

- Vertrauen Sie bei Hundebegegnungen niemals so abstrakten Begriffen wie "alter Freundschaft", "Verwandtschaft" oder gar dem Irrglauben "Welpenschutz".

Hunde denken nicht in solchen Kategorien, und schon gar nicht bei mehr oder weniger flüchtigen Begegnungen. Bedrohlich wirkt für den Hund alles, was ihm vermeintlich Lebensnotwendiges streitig machen kann. Die Hündin/das Hunderudel schützt die eigenen Welpen, solange sie des Schutzes bedürfen. Für fremde Welpen gilt dies nicht, und schon gar nicht im eigenen Revier. Kaum geschlechtsreif, unterliegt der Junghund den Regeln der Rangordnung und muss sich entsprechend auf Konfrontationen einlassen. Deshalb ist es notwendig, schon den Welpen in so genannten "Welpenspielgruppen" sozial kompetent zu erziehen. Gefährliche Hunde sind nämlich im späteren Leben zumeist die, die die arteigenen sozialen Spielregeln nicht frühzeitig kennen gelernt haben, weil sie von Artgenossen isoliert aufgezogen wurden.

- Führen Sie auf Ihren Spaziergängen nichts mit sich, von dem Ihr Hund glaubt, dass es ihm gehört und es sich lohnen könnte, dies zu verteidigen.

Das gilt für Spielzeuge, Stöckchen, aber auch für das Kleinkind der Familie, für das sich Ihr Hund zuständig fühlt. Am schlimmsten enden können sog. "Beutespiele" in einer lose formierten Hundegruppe ohne klare Rangordnung. Der geworfene Stock kann mühelos zum Zankapfel und damit zum Auslöser einer wilden Massenkeilerei werden.

-  "Laden" Sie möglichst keine Hunde-Zufallsbekanntschaft zu sich nach Hause ein.

Denn nicht immer ist die außerhalb des eigenen Reviers ausgelebte Harmonie zweier Hunde in den eigenen vier Wänden (artge-)rechtsgültig.

-  Beschäftigen Sie sich bitte ausführlich mit dem Ausdrucksverhalten der Hunde im Allgemeinen und Ihres Hundes im Speziellen.

Denn nur eine tiefe Kenntnis davon lässt Sie im entscheidenden Augenblick das Richtige tun. Es gilt die Faustregel: Es lässt sich nur das vermeiden, was Sie frühzeitig im Verhalten Ihres Hundes erkannt und planvoll unter-brochen haben. Und da Sie das von Kindern noch nicht erwarten können, gilt:

- Hunde und Kinder nur im häuslichen Umfeld kontrolliert miteinander verkehren lassen.

Ein Kind, in eine Hunde-Beißerei verwickelt, ist immer überfordert und extrem gefährdet. Und deshalb beinhalten Kinder, die unbeaufsichtigt von Erwachsenen einen Hund ausführen, das wohl größte Gefahrenpotenzial, das vom Hund ausgehen kann.

-  ... und erwarten Sie bitte nicht ein Leben lang von Ihrem Hund, dass er aus jeder Hundebegegnung ein Spiel werden lässt.

Die Sexualität und alles was damit zusammenhängt ist für einen Hund Grund genug, sich bei den meisten Treffs mit anderen Hunden diesbezüglich zielgerichtet zu verhalten: Hunde des eigenen Geschlechts können deshalb leicht zu Rivalen werden, wie die des anderen Geschlechts zu potenziellen Libidoobjekten werden können. Und dann kann es nur allzu leicht zu einer Beißerei kommen.
Nicht umsonst nennt der Verhaltensbiologe den Ernstkampf "War of Nerves", Nervenkrieg also. Ein Nervenkrieg, der nur allzu oft menschliche Emotionen freisetzt, die nicht minder heftig und unvermutet daherkommen wie die Hundebeißerei selbst.
Im Ergebnis kanalisiert sich diese Betroffenheit denn auch bei Laien häufig zu Fehlreaktionen. Eine davon ist dieser Versuch durch Schreien und Auseinanderreißen die Kontrahenten gewaltsam voneinander zu trennen.

- Wer so interveniert, verstärkt nämlich die Bereitschaft der gegnerischen Hunde noch herzhafter zuzubeißen und festzuhalten. Richtig ist in einer solchen Situation:

Nerven zu behalten und die Kämpfenden zunächst einmal gegen alles, was sich anschickt, unqualifiziert einzugreifen, abzuschirmen. Es gilt sowohl andere Hunde als auch hyperreagierende Menschen aus der Tumultzone zu entfernen.

Viele Hundekämpfe wirken martialischer als sie in Wirklichkeit sind. Trennt die kämpfenden Hunde kein allzu großes Unverhältnis hinsichtlich Größe, Schwere und Alter, gilt zunächst einmal: abwarten und den Verlauf des Kampfes beobachten. Vieles ist zwar laut und aktionsreich aber ritualisiert. Die aus einem ritualisierten Ernstkampf resultierenden Verletzungen lohnen es nicht, sich selbst an den Rand der Kreislaufkrise zu bringen!

Kein Hundekampf ist frei von Pausen. In diesen Pausen sollte der Versuch gestartet werden, die Aufmerksamkeit der Hunde auf etwas anderes zu lenken, was zugegebenermaßen schwierig ist. Aber manchmal klappt es tatsächlich, die Gegner beispielsweise mittels eines aufgespannten, zwischen die Hunde geworfenen Regenschirms, zu trennen. Auch Wasser bewirkt oft Wunder: Ich selbst habe schon zwei ineinander verbissene Hunde erfolgreich in einen Teich geworfen und anderen mit dem scharfen Wasserstrahl eines Gartenschlauchs ins offene Maul gespritzt. Während - wie so oft empfohlen - so mancher über einem Hundekampf ausgeleerte Wassereimer seine Wirkung häufig völlig verfehlt. Grundvoraussetzung für ein wirklich erfolgreiches Ablenken ist dabei natürlich, dass in der entstehenden Beißpause zwei beherzte Menschen sich jeweils eines der beiden Hunde nachhaltig bemächtigen können.

Erst ein endgültiges Festbeißen des einen Hundes in dem sich unterwerfenden Gegner und das nachfolgende beutelnd-reißende Schütteln ohne zwischenzeitliche Lösung des Bisses stellt eine ernsthafte Gefährdung des körperlich Unterlegenen dar. Hier hilft dann oft nur die kundige Hand eines Würgers: Wer es sich traut, sollte als Ultima Ratio von unten die Luftröhre des Reißers so lange kräftig beidseitig zusammenpressen, bis diesem die Luft ausgeht und er zwangsläufig loslassen muss. Für den Fall des Loslassens muss die andere Hand das Nackenfell bzw. das Halsband so im Griff haben, dass er sich nicht wieder erneut auf sein Opfer stürzen kann. Aber: Das ist nur etwas für Hundekampferprobte und geht nicht selten mit bösen Verletzungen an den Händen durch den sich wehrenden unterlegenen Hund ab.

Ein schöner Tag: Hund trifft Hund Aus der unter 4 geschilderten Situation können auch tatsächlich tiefe, lebensgefährliche Verletzungen im Halsbereich resultieren. In mehr als 20 Jahren Kleintierpraxis habe ich lediglich vier tödlich endende Hundebeißereien erlebt. In drei Fällen war letztlich ein eklatanter Größenunterschied zwischen den beiden in den Kampf verwickelten Hunden die Ursache für einen Genickbruch des jeweils kleineren Hundes. Im vierten Fall starb ein kurznasiger alter Hund ohne großen Blutverlust im Schock, nachdem er von einem anderen, in etwa gleich großen aber wesentlich jüngeren Hund minutenlang im Halsbereich gebeutelt worden war.

Wenn dann aber - und das kann man selbstverständlich nicht ausschließen - tatsächlich einmal ein großes blutführendes Gefäß im Halsbereich verletzt wird, kann nur ein tief angesetzter Daumendruck bis hin zum rettenden chirurgischen Eingriff allzu große Blutverluste verhindern. Kompression mittels Druckverband o. Ä. kann an dieser brisanten Stelle nicht zur Anwendung kommen.
Aber, soviel ist sicher, die großen Blutgefäße des Halses verlaufen beiderseits geschützt in einer Art tiefer Muskelrinne. Bis sie durch einen Biss zerrissen werden können, bedarf es schon eines wirklich tragischen Zufalls und/oder des panischen Fehlverhaltens von Hundehaltern, die die o. g. Punkte 1 - 3 außer Acht gelassen und zudem womöglich noch an den sich verbeißenden Hunden den Versuch gestartet haben, sie an den Hinterbeinen aus dem Gefahrenbereich herauszu-zerren. Welpe animiert zum Spiel Wie in so manchen anderen Krisensituationen gilt auch für die betroffenen Hundebesitzer angesichts einer Beißerei ihres Lieblings mit einem anderen (wie es fast immer heißt: "garstigen, furchtbar aggressiven") Hund die Devise: In der Ruhe liegt die Kraft. Kein Zerren, kein Schreien, kein Schlagen ... und vor allem keine zeitgleiche Boxveranstaltung mit dem "gegnerischen" Hundehalter. Letzteres endet nicht selten folgenreich vor Gericht, während eine Durchschnitts-Hundebeißerei lediglich ein paar Minuten Tierarzt kostet.

Ach ja, ein wenig mehr von der alten, eingangs beschriebenen Gelassenheit im Umgang mit Hunden täte uns heute wieder gut ...

Dr. med. vet. Wilfried Brach

Fotos: Britta Berg

Welpen haben keinen grundsätzlichen "Welpenschutz", aber im Kontakt mit Artgenossen lernen sie die sozialen Umgangsregeln.